Die Tunnel

Wenn man in Vietnam unterwegs ist, denkt man unweigerlich an den Vietnamkrieg und damit auch an die Tunnel, die die Vietnamesen gegraben, darin gelebt und von dort aus gekämpft haben. Die Tunnel sind nun eine Touristenattraktion und man kann Touren dorthin buchen. Und wenn man schon mal hier im Land ist, kann man sich auch damit auseinandersetzen. 

Deswegen ging es heute früh mit dem Bus nach Cu Chi. Die Entfernung dorthin ist eigentlich gar nicht so groß. Es sind ungefähr 70 km. Aufgrund des großen Verkehrsaufkommens dauert es aber ca. 2 Stunden. Der Abholservice vom Hotel war pünktlich (wichtig! ?) und zusammen mit Australiern, Holländern, Franzosen und ausnahmsweise keinen Deutschen (außer mir ?) ging die Reise los. Dass keine weiteren Deutschen an Bord waren, hat mich ehrlich verwundert. Nicht nur dass in der Maschine von Dubai nach Ho Chi mind. 90 % der Passagiere Deutsche waren, auch in Ho Chi Minh trifft man an jeder Ecke Deutsche. Was mich aber noch mehr verwundert, in Vietnam ist die deutsche Sprache gar nicht so weit verbreitet, wie von mir angenommen. Sehr wenige Vietnamesen sprechen deutsch. Auf meine Frage im Hotel, warum das so sei, denn immerhin hätten viele Vietnamesen in der DDR studiert und gelernt, bekam ich zur Antwort: „die, die in Deutschland gelernt haben, sind in Deutschland geblieben“. 

Wie dem auch sei, die Fahrt ging vorbei an Reisfeldern und Hühnerlieferanten zur zunächst ersten Station. 

Hier hatte die Tour wieder ein bisschen was von „Kaffeefahrt“. Eine Familie gestaltet auf Tafeln Bilder aus Eierschalen, die sie natürlich verkaufen. Es war ganz interessant anzuschauen, aber gekauft hat keiner etwas.

Dann wieder rein in den Bus und zu den Tunneln. Am Eingang kann man sich einen kurzen Überblick über die Anlage verschaffen. Durch einen Souvenirshop, in dem auch Granaten und Waffen des Vietnamkriegs ausgestellt werden, kommt man dann zum eigentlichen Eingang.

Der erste Stopp ist ein kleines Kino, in dem ein Film über die Kriegsführung der Vietnamesen gezeigt wird. Danach gibt es noch einen kleinen Vortrag.

Dann geht es in den Wald. Der Guide stoppt und erklärt, dass sich der original Einstieg in die Tunnel genau da befindet, wo wir gerade stehen. Und ich gebe mir Mühe, will die verräterischen Zeichen erkennen und erkenne genau eins…nämlich Nichts. Gebaut für die Vietnamesen, so dass möglichst außer ihnen niemand rein passt und perfekt getarnt. Wie der Einstieg funktioniert, wurde auch gleich demonstriert.

Vietnam Tunnel

Danach durften es die Touristen versuchen. In das Loch hinein ging in den meisten Fällen noch. In den Tunnel zu krabbeln, hat sich aber bis auf eine Touristin niemand gewagt. Und bei der Dame, die es versucht hat, gab unser Guide einen hysterischen Laut ab, sie solle das lassen. Vermutlich hat er sich schon mit der Schaufel in der Hand gesehen, die festsitzende Europäerin frei buddelnd. 

Nach diesem Einstiegsloch wurden uns noch verschiedene weitere Versionen des Einstiegs gezeigt. Die Menschen haben dabei vieles bedacht. So gab es z.B. auch einen sogenannten Rettungseingang. Über diesen wurden verletzte Soldaten mit Hilfe ihrer Mitstreiter in den Tunnel geschoben und zum „Krankenraum“ transportiert. Das Tunnelsystem bestand nämlich nicht nur aus reinen Tunneln, um von A nach B zu gelangen, sondern es wurden verschiedene Kammern mit verschiedenen Bedeutungen angelegt. So gab es z.B. neben dem „Krankenraum“ auch eine „Waffenbaukammer“, ein Esszimmer  und natürlich eine Küche. Der Qualm des darin befindlichen Ofens wurde über Entlüftungstunnel wieder hinaus geleitet. Der Ausgang solcher Be-oder Entlüftungstunnel wurden als Termitenbauten angelegt und dadurch getarnt. 

Es ist beeindruckend und erschreckend zugleich, doch es ging noch weiter. Neben den Tunnelsystemen wurden Fallen gebaut. Wirklich fiese Dinger, die alle nur eins zum Ziel hatten: den Feind aufzuspießen. 

Die Amerikaner hatten es irgendwann begriffen, dass die Gefahr im Boden lauert, doch auch die Vietnamesen waren weiterbildungsfähig. Sie nutzten das Wissen der Amerikaner und deren Vorsicht, die auf den Boden gerichtet war, um die Fallen nun in der Höhe anzubringen und von oben runterfallen zu lassen. Auch hier ging es ums Aufspießen. Wenn man die Gerätschaften sieht, zieht sich einem alles zusammen.

Nachdem man uns diese Ungeheuerlichkeiten vorgeführt hat (mit einem Stock wurden die Fallen ausgelöst), wurden wir zu einem für die Touristen „ausgebauten“ Tunnel geführt. Hier konnten wir auf einer Länge von 20 Metern selbst durch einen, immer noch viel zu engen und stockfinsteren Tunnel krabbeln. Ich frage mich, ob es da drin schon zu Panikanfällen gekommen ist. Wundern würde es mich nicht. Es ist machbar, aber ehrlicherweise nicht für jeden Nicht-Vietnamesen. Ein bisschen fit sollte man sein.
Der krönende Abschluss sollte sein….das Abfeuern einer Waffe. Man hatte die Wahl zwischen einer M16 und einer AK47. Bei aller Liebe…DAS werde ich wohl nie verstehen. Nach all den Informationen und den bildlichen Schrecken des Krieges, wollen trotzdem Menschen noch eine Waffe abfeuern. Der Clou….“Jetzt“ kann man auf dem Gelände nur noch nach vorne schießen. Die Waffen sind fixiert. Früher konnten man auf dem Gelände hinballern wo man wollte. Bis zu dem Tag, an dem sich ein Geschäftsmann in Ho Chi Minh verkalkuliert und alles verloren hatte. Er kam zu der Anlage und richtete die Waffe gegen sich selbst. Seit dem ist nur noch eine Richtung möglich. Schlimm genug für mich. Ich habe vorher noch nie den Schuss einer Waffe gehört und habe mich tierisch erschrocken bei diesem Knall. Es war ein Reflex, ich konnte gar nicht anders und habe automatisch meinen Kopf eingezogen und mich weggeduckt. 

Die letzte Station war eine Ausstellung von hergestellten Schuhen. Diese Schuhe wurden aus alten Reifen gefertigt. Mit je 2 Riemchen vorn und hinten. Sie sind geformt, wie normale Schuhe. Einen für rechts einen für links. Aber man kann sie richtig herum anziehen, also die Zehen dahin, wohin die Zehen gehören, aber aufgrund der gleichen Riemchen, kann man sie auch verkehrt herum tragen, also dir Zehen dort, wo normalerweise die Hacke hingehört. Auf diese Weise konnten sich die Vietnamesen in eine Richtung fortbewegen (z.B. Nach rechts), aber den Spuren nach zu urteilen, sag es so aus, als wären sie in die andere Richtung gegangen (also nach links, da die Zehen nach links gezeigt haben). …ich hoffe, ich konnte das jetzt nachvollziehbar erklären…?  

Alles in allem waren die Manöver der Vietnamesen in Teilen simpel aber effektiv. 

Mit einem zurückbleibenden, seltsamen Gefühl, das ich noch nicht näher benennen kann, war der Ausflug beendet. Wir stiegen wieder in den Bus und fuhren zurück nach Ho Chi Minh. 

Hier musste ich erstmal wieder in der Normalität ankommen. 

Beim Schlendern durch die Stadt bin ich dann in einem Street Food Market gelandet und einem Nudelsüppchen kann ich nur selten widerstehen. Da sitze ich nun, beobachte die Leute, genieße die Wärme und die Luftfeuchtigkeit….und dann treffen meine Ohren folgendes….

Unerwartet in Ho Chi Minh
Das rückt die Welt doch wieder ein Stück näher an meinen Elfenbeinturm. Und was auch immer hilft: ein Käffchen, ein Stück Kuchen und der Blick auf das quirlige Treiben der Stadt….

Mopeds und noch mehr Mopeds
….Schon besser.

Und dann heißt es Koffer abholen. Denn heute geht es noch nach Hanoi. Am Flughafen war es ruhig. Ein wenig zu ruhig. Der Flieger hatte etwas mehr als eine Stunde Verspätung. Aber gut, er kam und schwupps war ich wieder in der Luft.

Eines ist mir auf diesem Inlandsflug aufgefallen, die Vietnamesen laufen und fliegen, wie sie Moped fahren. Die sind permanent am überholen (= vordrängeln), am dicht aufrücken (= drängeln) und irgendwie hatte ich dann das Gefühl, wenn es nicht schnell genug geht, fangen sie vielleicht noch an zu hupen…. Man stelle sich vor, auf einmal stehen sie dir in den Hacken und machen „möp, möp“…. Haben sie nicht. Dafür dann ich. Immer wenn ich einen überholt habe…möp, möp….links vorbei, möp, möp…rechts vorbei…. ? 

Am Flughafen in Hanoi zu dieser fortgeschrittenen Stunde (inzwischen 1 Uhr morgens), war es absolut ruhig. Der vom Hotel bereitgestellte Fahrer war brav mit Namensschild im Ankunftsbereich, und ohne jeglichen Verkehr bin ich endlich im Hotel angekommen. Viel konnte ich noch nicht sehen. Zum einen war alles dunkel und zum anderen war es richtig diesig. Eine richtige milchige Suppe….Aber immerhin 20 °Celsius. Super.

Mich ruft der Matratzenhorchdienst und morgen bin ich gespannt auf Hanoi. 

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